Das kleine Europa von Selfmade-Man Andrej

Am Anfang waren zwei Lastwagen, vollgepackt mit Ziegelsteinen. 1991, noch bevor die Landeswährung nach der Freigabe des Rubels abstürzte und die allermeisten Russen ihre Ersparnisse verloren, kauften sich Andrej und Tanja Ofizerow, gerade fertig mit dem Studium und sie mit dem zweiten Kind im Bauch, diese zwei Ladungen Ziegelsteine. Vielleicht wäre ihr Leben anders verlaufen ohne diese Geldrettung in letzter Sekunde. Vielleicht hätten sie kein Haus gebaut, wären weggezogen von hier wie so viele. Sie aber bauten ein Haus und setzten das Leben der weißrussischen Vorfahren fort, die vor einem Jahrhundert nach Sibirien gezogen waren.

Die Kleinstadt Taischet ist ein bedeutender russischer Eisenbahnknotenpunkt: Tag und Nacht hört man das Rattern der Frachtwaggons und Schlafwagen, die durch die Stadt rollen, die aus Moskau oder Nowosibirsk ankommen und dann weiter fahren nach Nordosten auf der Baikal-Amur-Magistrale und in Richtung Osten nach Wladiwostok und China. Aber selbst diese Position konnte die Stadt in den 90er Jahren nicht vor dem Verfall retten: Von den 43.000 Einwohnern sind heute 33.000 übrig. Alle Fabriken aus Sowjetzeiten gingen zugrunde. Andrej dreht mit seinem Volkswagen-SUV extra ein paar Runden durch das ehemalige Industriegebiet: Die Milchwerke – jetzt eine Lagerhalle, das Fleischkombinat – nur noch eine Ruine, die Möbelfabrik – eine leere Fläche. Arbeitgeber ist heute die russische Eisenbahn. Und Leute wie Andrej und Tanja, dieses sympathische Paar, das für ihre 53 Jahre so jugendlich wirkt, ganz besonders in Russland.

Andrej lenkt seinen Wagen in eine Einfahrt neben einem mit Säulen geschmückten Haus. Links ein Jeansladen, rechts ein Küchenstudio. „Alpen“, steht in großen Lettern auf dem Eingangsschild, daneben: Strebe nach dem Besten! „Naja, das war mein Wahlspruch in meiner Jugend“, sagt Andrej und verzieht etwas das Gesicht. Aber eigentlich stimmt er noch immer. 13 Mitarbeiter hat seine Firma, Verkäufer, Buchhalter, Handwerker, Designer. Die Kleinunternehmer Andrej und Tatjana geben heute 13 Menschen Arbeit. Das ist für eine Stadt wie Taischet viel.

Eigentlich will sich Andrej nicht erinnern an die 90er Jahre.

Aber der Weg hierher war schwer. Beide waren gerade mit dem Studium fertig, als das Land zusammenbrach, beide Ingenieure, aber wer brauchte die jetzt noch? Wie die meisten Russen fingen sie an zu handeln. „Kauf-Verkauf“, sagt Andrej lachend.
Eigentlich will er sich nicht erinnern an diese 90er Jahre. Aber für uns gräbt er nochmal in seiner Erinnerung. Zuerst fährt er mit seiner alten Sowjetkiste – die Rücksitze hat er rausgeschmissen – in die Großstadt Krasnojarsk, kauft Seife, Zahnpasta, Videokassetten, in Taischet fehlt es an allem, weil die sowjetischen Versorgungsketten zusammengebrochen sind. Immerhin lassen die Schutzgelderpresser die beiden in Ruhe, weil Andrejs Vater bei der Polizei arbeitet. Er baut eine Tankstelle mit auf, lässt dann aber lieber die Finger davon – das Business ist nicht ungefährlich, weil kriminelle Strukturen dahinterstehen. Andrej fängt an, mit Möbeln zu handeln, Wohnungen zu renovieren – auch die Menschen in Taischet schmeißen jetzt ihre sowjetischen Schrankwände aus Spanplatten raus, wollen etwas Neues. So entsteht ihr kleines Küchenimperium.

Von der Sowjetunion wollen beide überhaupt nichts mehr wissen. Tanja hat eine besondere Rechnung offen, weil mehrere ihrer Vorfahren 1937 erschossen wurden, ihr Großvater nur dafür, dass er Priester war. Erfahren hat sie davon 1994, ihre Oma hatte bis zum Ende Angst davor, ihren Kindern davon zu erzählen. Andrej schimpft auf die Gleichmacherei des sowjetischen Systems, in dem nicht jene belohnt wurden, die Initiative zeigten, sondern diejenigen, die Dienst nach Vorschrift machten. Mit seinem Vater, bis heute Kommunist, streitet er manchmal. „Unternehmer sein heißt, dass du Tag und Nacht arbeiten musst“, sagt der dann zu Andrej. Und er antwortet: „Ja, na und?“

„Russland steht heute an einer Schwelle.“ Andrej Ofizerow

Andrej und Tanja haben auch deshalb Erfolg, weil sie Perfektionisten sind. Wie sehr, das sieht man ihrem Haus an. Von den Ziegelsteinen aus dem Jahr 1991 ist nichts mehr zu sehen. Stattdessen ist das Haus am Stadtrand von Taischet außen verputzt und innen perfekt eingerichtet. Die Ordnung und Sauberkeit fällt noch mehr ins Auge, weil draußen vor dem Eisentor die Straßen holprig und staubig sind und die sowjetischen Wohnhäuser verzweifelt auf ihre Sanierung warten. Jede Tasse hat bei den Ofizerows ihren Platz, eine Standuhr schlägt jede Stunde die Glockenklänge des Big Ben, der Garten ist so gepflegt, dass es selbst einem deutschen Kleingärtner schummrig wird: Hier die perfekt geschnittenen Büsche, dort der Gemüsegarten, da das Kartoffelfeld, über den gepflegten Rasen rennt Atos, der Schäferhund. Andrej und Tanja sind mehrmals nach Europa gereist in den letzten Jahren, nach Tschechien, Italien, Deutschland. Bilder von Venedig, Bamberg, Marienbad schmücken die Wände, im Garten versucht Andrej, Rhododendren, Ahorn und sogar eine Buche aus Potsdam der sibirischen Kälte zum Trotz am Leben zu erhalten. Ihr Haus ist ein kleines Stück Europa, 5000 Kilometer östlich von Berlin. Es ist das kleine Reich der Ofizerows, wo alles seine Ordnung hat, im Unterschied zu der Welt vor den Toren. Dabei muss man nicht reich sein, um es schön zu machen, ist Andrej überzeugt. „Schau dir die Häuschen in Taischet an: Es gibt einfach Leute, die sich darum kümmern, dass der Zaun ordentlich steht, dass die Wände gestrichen sind, und andere, die ihre Häuser verfallen lassen.“

Ein reich gedeckter Tisch zu Hause bei den Ofizerows.

Ähnlich sieht Andrej auch die Politik seines Landes. Putin ist für ihn einer, der sein ganzes Leben dem Erhalt des Landes widmet. Als der zur Jahrtausendwende an die Macht kam, „gab es praktisch nichts mehr: keine Armee, kein Land, nichts.“ Erst Putin, so ist Andrej überzeugt, hat das Land wieder funktionsfähig gemacht. Und Andrej glaubt, dass die nächsten Jahre in Russland große Chancen bringen – wenn nicht wieder ein Umbruch kommt, so wie 1917 oder 1991, für ihn zwei Katastrophen, die das Leben der Menschen jedes Mal auf den Kopf stellten und Zerstörung hinterließen. „Russland steht heute an einer Schwelle“, glaubt Andrej. „18 Jahre wurde das Land wieder auf die Beine gestellt, wir mussten viel Geld allein für den Wiederaufbau der Armee ausgegeben. Aber das muss jetzt in die Bildung und in die Entwicklung der Industrie fließen.“ Ab jetzt soll es vorwärts gehen.

Das einzige, was aber in Taischet derzeit vorwärts geht, ist der Bau eines Gotteshauses.

Das einzige, was aber in Taischet derzeit vorwärts geht, ist der Bau eines Gotteshauses. Mönch Wassilij baut mit Spenden der Bürger seit vier Jahren am Stadtrand an einer orthodoxen Kirche. Auch Tanja und Andrej spenden. Es ist das einzige in Taischet, was die Menschen verbindet. Es gibt keine Sportvereine, die Bowlinghalle ist pleite gegangen, es gibt nicht einmal mehr das Kino „Pobeda“, in dem sich Andrej und Tanja Ende der 80er Jahre so romantisch zum ersten Mal trafen. Jeder lebt für sich allein, baut sich sein kleines Paradies, je nach Möglichkeit.

Junge Leute, die mehr wollen, sind in Taischet nicht zu halten. Die ältere Tochter der Ofizerows lebt in der Großstadt Krasnojarsk, den Sohn Kolja haben die beiden 2008 gedrängt, zum Studium nach London zu gehen – heute lebt er in Berlin. Damals fing die weltweite Wirtschaftskrise an, die in Russland bis heute anhält, und die Ofizerows, die noch den letzten Zusammenbruch von 1991 im Kopf hatten, wollten ihrem Sohn Kolja eine neue Tür öffnen.

Was Kolja von seinem Vater geerbt hat, ist der Patriotismus. Vor der Abreise hat er mir erzählt, dass er auf jeden Fall nach Russland zurück will, dass er dort das, was er in London und Berlin gelernt hat, anwenden will, etwas Neues aufbauen, trotz der vielleicht widrigen Umstände. Denn waren die Umstände für seine Eltern etwa nicht widrig?

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